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Essay

Überzeugungen vs. Führungsverhalten: Warum Entwicklung am Glaubenssatz beginnt

Autor: Frederic C. RupprechtVeröffentlicht: 9 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

Führungsverhalten ist das Ende einer Kette, nicht ihr Anfang. Dahinter stehen Überzeugungen – Betriebsannahmen wie „Wenn ich es nicht prüfe, geht es schief“ –, die einmal Erfolgsstrategien waren und heute Muster erzeugen. Wer nur das Verhalten spiegelt, bekommt Einsicht ohne Veränderung, weil die Annahme darunter unangetastet bleibt. Entwicklung beginnt deshalb beim Glaubenssatz: ihn sichtbar machen, gegen das Fremdbild halten und im Gespräch prüfen, ob er noch stimmt.

Das Wichtigste

  • Überzeugungen sind die Betriebsannahmen hinter wiederkehrenden Verhaltensmustern – selten ausgesprochen, aber täglich angewendet.
  • Limitierende Tendenzen sind meist ehemalige Erfolgsstrategien: Was eine Führungskraft nach oben gebracht hat, blockiert sie auf der nächsten Stufe.
  • Feedback allein verändert Verhalten wenig; die Forschung zu Multisource-Feedback zeigt im Schnitt kleine Effekte, die davon abhängen, wie Feedback aufgenommen und umgesetzt wird.
  • Überzeugungen kann nur die Führungskraft selbst einschätzen; ihre Aussagekraft entsteht erst im Abgleich mit dem Verhalten, das andere beobachten.
  • Ein Debrief behandelt den Glaubenssatz als Hypothese: Woher kommt er, was hat er gebracht, was kostet er heute – und welches kleine Experiment prüft ihn?

Warum Feedback allein selten Verhalten ändert

Wer Führungskräfteentwicklung verantwortet, kennt die Szene: Der 360°-Bericht liegt auf dem Tisch, die Führungskraft nickt, erkennt sich wieder, nimmt sich etwas vor. Sechs Monate später erlebt das Team dasselbe Verhalten. Das ist kein Charakterfehler und meist auch kein Mangel an Einsicht. Es ist die Folge davon, dass Verhalten nur das Ende einer Kette ist – und Feedback fast immer nur dieses Ende beschreibt.

Die Forschung ist hier ernüchternd. Smither, London und Reilly (2005) werteten 24 Längsschnittstudien aus und fanden, dass sich die Einschätzungen von direkt zugeordneten Mitarbeitenden, Peers und Vorgesetzten nach einem Multisource-Feedback im Schnitt nur wenig verbessern; die Autoren warnen ausdrücklich davor, breite und große Veränderungen zu erwarten. Wahrscheinlicher wurde eine Verbesserung, wenn das Feedback klar Veränderungsbedarf signalisierte, die Führungskraft Feedback grundsätzlich positiv gegenüberstand, den Bedarf selbst sah, Veränderung für machbar hielt, sich passende Ziele setzte und ins Handeln kam. Jede dieser Bedingungen ist eine Frage der Überzeugung, nicht der Information.

Was ein reines Verhaltens-360° deshalb systematisch nicht sieht, beschreibt Was ein reines Verhaltens-360° übersieht. Dieser Essay geht einen Schritt weiter zurück: zu den Annahmen, aus denen Verhalten entsteht.

Überzeugungen sind Betriebsannahmen, keine Werte

DefinitionGlaubenssatz (Belief)
Eine meist unausgesprochene Annahme darüber, wie Führung funktioniert und was passiert, wenn man sich anders verhält – etwa „Wenn ich es nicht selbst prüfe, geht es schief“ oder „Konflikte kosten mehr, als sie bringen“. Anders als Werte („Mir ist Qualität wichtig“) sind Glaubenssätze Wenn-dann-Regeln, die Entscheidungen im Alltag steuern, ohne bewusst abgerufen zu werden. Im Modell von LEADBeyond 360° ist Belief die erste Ebene der Wirkungskette Belief → Capability → Trigger → Behavior → Outcome; Well-being wirkt als übergreifender Energiepuffer.

Der Unterschied ist praktisch wichtig. Werte lassen sich in Leitbildern bekennen, ohne dass sich etwas ändert. Betriebsannahmen dagegen entscheiden um 17:40 Uhr, ob die Führungskraft die Klientenpräsentation noch einmal selbst überarbeitet oder sie so herausgehen lässt, wie das Team sie gebaut hat. Wer die Annahme nicht kennt, sieht nur das Ergebnis: eine Führungskraft, die „nicht loslassen kann“.

Robert Kegan und Lisa Lahey haben für diese Mechanik das Bild der Immunität gegen Veränderung geprägt: Ein ernst gemeintes Veränderungsziel wird von einer verborgenen, konkurrierenden Verpflichtung im Gleichgewicht gehalten – und darunter liegt eine große Annahme, die die Führungskraft nie geprüft hat, weil sie sich nie wie eine Annahme angefühlt hat, sondern wie die Wirklichkeit. Solange die Annahme steht, ist das alte Verhalten die rationale Wahl. Genau deshalb bewirkt es so wenig, es nur zu spiegeln.

Limitierende Tendenzen waren einmal Erfolgsstrategien

Der zweite Grund, warum Verhaltensfeedback abprallt: Die Muster, die eine Führungskraft heute begrenzen, haben sie in aller Regel dorthin gebracht, wo sie ist. Wer als Consultant durch kompromisslose Qualität aufgefallen ist, wurde Manager, weil er jede Zahl geprüft hat. Wer Konflikte elegant umschifft hat, wurde befördert, weil Klienten sie mochten. Die Überzeugung dahinter wurde jahrelang bestätigt – mit Lob, Bonus, Beförderung. Sie ist kein Irrtum, sondern eine ehemals richtige Antwort auf eine frühere Rolle.

Das erklärt auch, warum diese Tendenzen unter Druck stärker werden. Wenn ein Projekt kippt, greift die Führungskraft nicht zu dem, was sie im letzten Seminar gelernt hat, sondern zu dem, was sie schon einmal gerettet hat. LEADBeyond 360° erfasst sieben solcher limitierenden Tendenzen – von perfektionistischer Kontrolle über Harmoniebedürfnis bis zur Entscheidungsvermeidung – mit je zwei Belief- und zwei Behavior-Items, damit Annahme und beobachtetes Verhalten nebeneinander stehen. Was Druck mit Führung macht, vertieft Führung unter Druck.

Wie sich Glaubenssätze in Verhalten und Wirkung übersetzen – illustrative Beispiele, nicht der Wortlaut des Fragebogens.
Betriebsannahme (illustrativ)Was sie einmal gebracht hatVerhalten, das andere sehenWahrscheinliche Wirkung
„Wenn ich es nicht selbst prüfe, geht es schief.“Fehlerfreie Arbeit als JuniorJede Folie wird nachgebaut, Freigaben stauen sichDas Team wartet und hört auf, mitzudenken
„Eine gute Führungskraft hält das Team aus Konflikten heraus.“Beliebtheit, ruhige ProjekteSchwierige Gespräche werden vertagtProbleme wachsen, Klarheit fehlt
„Wer um Hilfe bittet, wirkt schwach.“Schnelle Sichtbarkeit als ExpertinHilfe wird nicht geholt, Fehler nicht geteiltÜberlastung, späte Eskalationen

Ein Beispiel: von der Kontrollüberzeugung zur Passivität im Team

Im Bericht wäre das eine Konstellation, die für das Gespräch mehr wert ist als jede einzelne Zahl: eine hohe Zustimmung der Führungskraft zu den Belief-Items hinter perfektionistischer Kontrolle und Mikromanagement – beide gehören im Modell zum Abwehrmuster Over-Control –, ein Verhalten, das andere als Kontrolle erleben, und ein Selbstbild, das davon abweicht. Wie sich solche Selbst-Fremd-Unterschiede lesen lassen, erklärt Selbstbild und Fremdbild in der Führung.

Warum nur die Führungskraft Überzeugungen einschätzt – und was das bedeutet

Vorgesetzte, Peers und direkt zugeordnete Mitarbeitende können beobachten, was eine Führungskraft tut. Was sie glaubt, können sie nur vermuten. Deshalb beantwortet in LEADBeyond 360° ausschließlich die Führungskraft die 31 Belief-Items; Feedbackgebende bewerten Fähigkeiten, Verhalten und Wirkung. Daraus folgen drei Dinge, die man kennen sollte.

  • Ein Belief-Wert ist ein Indikator, kein Urteil. Eine einzelne Aussage, der eine Führungskraft zustimmt, beweist nichts – sie ist ein Gesprächsanlass. Aussagekraft entsteht erst im Abgleich mit dem Verhalten, das andere beobachten.
  • Die Führungskraft kann sich täuschen, aber nicht „falsch antworten“. Wer einer Kontrollannahme zustimmt, hat nichts falsch gemacht, sondern ehrlich geantwortet. Deshalb gehört diese Ebene in die Entwicklung, nie in eine Beurteilung.
  • Der Abgleich ist die eigentliche Diagnostik. Der Bericht stellt die Belief-Selbsteinschätzung dem beobachteten Verhalten gegenüber und markiert, wo beides auseinanderläuft – ausdrücklich als Hypothese, nicht als Befund. Die Selbstwirksamkeit im Sinne Banduras – die Überzeugung, etwas tatsächlich zu können – wird davon getrennt als Capability erfasst; die Lücke zwischen Können und Tun beschreibt Die Lücke zwischen Können und Tun.

Wie ein Debrief mit einem Glaubenssatz arbeitet

Die Arbeit mit einer Überzeugung folgt in unseren Debriefs (Auswertungsgesprächen) einer einfachen Reihenfolge. Sie beginnt nie mit der Aufforderung, die Überzeugung abzulegen – das wäre, als bäte man jemanden, eine tragende Wand herauszureißen, ohne zu wissen, was auf ihr lastet.

  1. Benennen, ohne zu bewerten. Die Beraterin oder der Berater liest die Belief-Aussage vor, der die Führungskraft zugestimmt hat, und fragt: Woher kennen Sie diesen Satz? In welcher Rolle war er richtig?
  2. Den Nutzen würdigen. Was hat diese Annahme der Führungskraft ermöglicht? Erst wenn der Gewinn ausgesprochen ist, lässt sich über den Preis sprechen.
  3. Den Preis mit dem Fremdbild belegen. Jetzt kommen die Verhaltenswerte der Feedbackgebenden und der Freitext ins Spiel – nicht als Urteil, sondern als Beschreibung dessen, was die Annahme heute im Umfeld auslöst.
  4. Die Annahme als Hypothese formulieren. Aus „Wenn ich nicht prüfe, geht es schief“ wird „Ich nehme an, dass es schiefgeht, wenn ich nicht prüfe“. Der Satz ist derselbe, sein Status ein anderer.
  5. Ein kleines, sicheres Experiment vereinbaren. Ein Dokument, ein Meeting, eine Woche ohne die alte Sicherung – klein genug, dass die Führungskraft es riskieren kann, groß genug, dass die Annahme Daten bekommt.

Warum so vorsichtig? Weil die Wirkung von Feedback nachlässt, sobald es die Aufmerksamkeit von der Aufgabe auf das Selbst lenkt – die zentrale These der Feedback-Interventionstheorie von Kluger und DeNisi (1996), deren Meta-Analyse zeigte, dass Feedback-Interventionen Leistung im Schnitt verbessern, mehr als ein Drittel von ihnen sie aber verschlechterte. Ein Glaubenssatz ist das Persönlichste, was ein 360° berührt. Genau deshalb gehört er in ein begleitetes Gespräch und nicht in einen automatischen Textbaustein.

Häufige Fragen

Warum ändern Führungskräfte ihr Verhalten nicht, obwohl sie Feedback bekommen?

Weil Feedback das Verhalten beschreibt, nicht die Annahme, aus der es entsteht. Solange die Führungskraft glaubt, dass das alte Verhalten Schaden abwendet, ist es aus ihrer Sicht rational. Die Forschung zu Multisource-Feedback zeigt entsprechend kleine durchschnittliche Effekte, die davon abhängen, ob die Führungskraft Veränderung für nötig und machbar hält und ins Handeln kommt.

Sind limitierende Glaubenssätze ein Zeichen für eine schwache Führungskraft?

Im Gegenteil: Meist sind es die Überzeugungen, mit denen jemand erfolgreich geworden ist. Limitierend werden sie erst, wenn sich die Rolle ändert und die alte Antwort nicht mehr passt. Das ist ein Entwicklungsthema, kein Defizit.

Können Feedbackgebende die Überzeugungen einer Führungskraft bewerten?

Nein, und sie sollten es nicht versuchen. Überzeugungen sind von außen nicht beobachtbar; Vorgesetzte, Peers und direkt zugeordnete Mitarbeitende bewerten Fähigkeiten, Verhalten und Wirkung. Belief-Items beantwortet in LEADBeyond 360° nur die Führungskraft selbst – Details in der LEADBeyond-Methode.

Was ist der Unterschied zwischen einem Glaubenssatz und einem Wert?

Ein Wert sagt, was jemandem wichtig ist („Qualität“). Ein Glaubenssatz ist eine Wenn-dann-Regel darüber, wie man diesen Wert schützt („Wenn ich nicht selbst prüfe, leidet die Qualität“). Werte lassen sich bekennen, ohne dass sich Verhalten ändert; Glaubenssätze steuern es täglich.

Was ist „Immunity to Change“ von Kegan und Lahey?

Ein Rahmen, der beschreibt, wie ein ernst gemeintes Veränderungsziel von einer verborgenen konkurrierenden Verpflichtung und einer ungeprüften großen Annahme im Gleichgewicht gehalten wird. Wir zitieren ihn als konzeptionelle Grundlage der Belief-Ebene, nicht als statistischen Beleg.

Sieht HR die Belief-Antworten einer Führungskraft?

Nein. HR-Verantwortliche (in LEADBeyond 360° die Client-Admins) sehen Fortschritt und Abschlussquoten, aber keine individuellen Ergebnisse – weder Belief-Werte noch Verhaltensbewertungen noch Freitext. Belief-Antworten werden nur im Bericht der Führungskraft und im Gespräch mit dem Beraterteam ausgewertet. Details in Was HR in LEADBeyond 360° sieht.

Wie lange dauert es, einen Glaubenssatz zu verändern?

Dazu gibt es keine belastbare Zahl, und wir nennen bewusst keine. In der Praxis verändert sich nicht der Satz, sondern sein Status: von Gewissheit zu Hypothese. Das geschieht über wiederholte kleine Experimente, deren Ergebnis die Führungskraft selbst beobachtet.

Quellen

  1. Kegan, R., & Lahey, L. L. (2009). Immunity to Change: How to Overcome It and Unlock the Potential in Yourself and Your Organization. Harvard Business Press., Harvard Business Press (2009)Bibliografischer Beleg für den Rahmen „Immunity to Change“ / konkurrierende Verpflichtungen; keine Statistik entnommen.
  2. Bandura, A. (1997). Self-Efficacy: The Exercise of Control. W. H. Freeman., W. H. Freeman, New York (1997)Bibliografischer Beleg für das Konstrukt der Selbstwirksamkeit; keine Statistik entnommen.
  3. Smither, J. W., London, M., & Reilly, R. R. (2005). Does performance improve following multisource feedback? A theoretical model, meta-analysis, and review of empirical findings. Personnel Psychology, 58(1), 33–66., Wiley (2005)Peer-reviewed Meta-Analyse von 24 Längsschnittstudien; zitiert für die im Schnitt kleine Verbesserung nach Multisource-Feedback und die Bedingungen, unter denen Verbesserung wahrscheinlicher ist.
  4. Kluger, A. N., & DeNisi, A. (1996). The effects of feedback interventions on performance: A historical review, a meta-analysis, and a preliminary feedback intervention theory. Psychological Bulletin, 119(2), 254–284., American Psychological Association (1996)Peer-reviewed Meta-Analyse; zitiert für „Feedback verbessert Leistung im Schnitt, mehr als ein Drittel der Interventionen verschlechterte sie“ und die These, dass die Wirkung nachlässt, wenn die Aufmerksamkeit von der Aufgabe auf das Selbst wandert.

Autor

Frederic C. Rupprecht

Mitgründer & Geschäftsführer, LEADBeyond GmbH

Frederic C. Rupprecht ist Mitgründer und Geschäftsführer der LEADBeyond GmbH und verantwortet Methodik und Produkt von LEADBeyond 360°. Zuvor war er Associate Partner bei McKinsey & Company; er begleitet Führungskräfte in Beratungen und Professional-Services-Firmen bei Diagnostik und Entwicklung.

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