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Programmdesign

Wie viele Feedbackgebende braucht ein 360°-Feedback – und warum zwei nur die Untergrenze sind

Autor: LEADBeyondVeröffentlicht: 10 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

Pro Gruppe – Vorgesetzte, Peers, direkt zugeordnete Mitarbeitende – sind zwei abgeschlossene Rückmeldungen die Untergrenze, damit Ergebnisse überhaupt getrennt gezeigt werden dürfen. Drei oder mehr pro Gruppe sollten das Ziel sein, weil erst dann ein einzelner Ausreißer den Mittelwert nicht mehr dominiert. Die Forschung zur Reliabilität von 360°-Ratings legt sogar deutlich höhere Zahlen nahe. Nominieren Sie deshalb mehr Personen, als Sie am Ende brauchen, und planen Sie Vorgesetzte als Sonderfall: Dort gibt es meist nur eine Person.

Das Wichtigste

  • Zwei abgeschlossene Rückmeldungen pro Gruppe sind die Anonymitätsuntergrenze; darunter wird eine Gruppe nicht getrennt ausgewiesen, sondern in „alle anderen“ eingerechnet.
  • Drei und mehr Rückmeldungen pro Gruppe machen Ergebnisse stabiler – ein einzelner Ausreißer prägt den Mittelwert dann deutlich weniger.
  • Die Reliabilitätsforschung legt deutlich mehr Feedbackgebende nahe, als in der Praxis üblich sind; Peers und Mitarbeitende brauchen tendenziell mehr als Vorgesetzte.
  • Vorgesetzte sind ein Sonderfall: Meist gibt es nur eine Person, deren Werte nur mit ihrem Wissen und ihrer ausdrücklichen Zustimmung getrennt gezeigt werden sollten.
  • Mehr ist nicht automatisch besser: Jede Nominierung kostet Zeit bei den Feedbackgebenden, und in kleinen Firmen bewerten dieselben Personen viele Führungskräfte.
  • LEADBeyond 360° empfiehlt standardmäßig mindestens 2/2/2 Nominierungen und zeigt Gruppen ab einer konfigurierbaren Schwelle (Standard: zwei) getrennt.

Die kurze Antwort: zwei ist die Untergrenze, drei und mehr das Ziel

Die Frage nach der Zahl der Feedbackgebenden hat zwei Antworten, und beide sind richtig. Die erste ist eine Anonymitätsfrage: Wie viele Personen müssen geantwortet haben, damit niemand aus einem Gruppenmittelwert auf eine einzelne Antwort zurückschließen kann? Hier ist zwei die harte Untergrenze – bei einer einzigen Antwort wäre der Gruppenwert diese Antwort. Die zweite ist eine Qualitätsfrage: Wie viele Perspektiven braucht es, damit der Mittelwert etwas über die Führungskraft aussagt und nicht über die Tagesform einer einzelnen Person? Die ehrliche Antwort: mehr, als die meisten Programme einplanen.

DefinitionAnonymitätsschwelle
Die Mindestzahl abgeschlossener Rückmeldungen, ab der eine Gruppe von Feedbackgebenden (etwa die Peers) im Bericht getrennt ausgewiesen wird. Darunter werden ihre Antworten nicht gelöscht, sondern in eine Sammelkategorie „alle anderen“ eingerechnet. Die Schwelle schützt Antworten, nicht Namen: Wer nominiert wurde und wer abgegeben hat, ist der Führungskraft in der Regel bekannt – was diese Personen geantwortet haben, nicht.

Warum reicht die Untergrenze nicht? Bei zwei Antworten ist jeder Einzelwert die Hälfte des Mittelwerts: Bewertet eine Person eine Verhaltensweise mit 2 und die andere mit 6, steht im Bericht eine 4 – ein Wert, den keine der beiden gegeben hat. Ab drei Personen glättet sich das, ab fünf oder sechs wird ein Mittelwert deutlich stabiler – statistisch belastbar wird er erst bei den Zahlen, die die Forschung nennt (siehe unten). Wie Anonymität technisch entsteht und wo ihre Grenzen liegen, erklärt Ist 360°-Feedback anonym?

Was die Forschung zur Zahl der Feedbackgebenden sagt

Die Reliabilitätsforschung zu 360°-Ratings ist sich in einem Punkt einig: Es braucht mehr Feedbackgebende, als in der Praxis üblich sind. Greguras und Robie (1998) untersuchten mit der Generalisierbarkeitstheorie 360°-Ratings von 153 Managern und fanden innerhalb einer Quelle – etwa unter den Peers einer Führungskraft – nur geringe Übereinstimmung; ein großer Teil der Fehlervarianz ging auf die einzelne bewertende Person und die jeweilige Kombination aus bewertender Person und Führungskraft zurück. Für eine akzeptable Reliabilität seien mehr Feedbackgebende nötig, als typischerweise eingesetzt werden. Unter praxisnahen Bedingungen waren Peers die verlässlichste Quelle, dann Mitarbeitende, dann Vorgesetzte.

Nowack und Mashihi (2012) fassen diese Arbeit in ihrem evidenzbasierten Überblick so zusammen: Als Optimum für die meisten 360°-Projekte gelten mindestens vier Vorgesetzte, acht Peers und neun direkt zugeordnete Mitarbeitende, um eine Reliabilität von 0,70 oder höher zu erreichen – wobei die Autoren einräumen, dass das für Führungskräfte mit wenigen Mitarbeitenden unrealistisch ist. Antworten zwei oder weniger Personen für eine Gruppe, sei die Stichprobe für eine verlässliche Messung möglicherweise nicht ausreichend; man solle eher mehr Feedbackgebende einladen als weniger.

Hensel und Kollegen (2010) kamen auf ähnliche Größenordnungen: Rund zehn Feedbackgebende waren nötig, um bei der Einschätzung der Fähigkeit, persönliche Eigenschaften zu entwickeln, eine Reliabilität von 0,70 zu erreichen, etwa sechs bei der Motivation dazu. Zwei oder drei Peers – in der HR-Praxis üblich – lieferten eine niedrige Reliabilität und eine geringe Übereinstimmung zwischen Vorgesetzten und Peers. Die Autoren folgern, dass 360°-Feedback als Entwicklungsinstrument besser funktioniert denn als Beurteilungssystem.

Wie viele Feedbackgebende wir je Gruppe empfehlen

Aus Untergrenze, Stabilität und Realität ergibt sich eine Faustregel, die wir in Programmen anwenden. Sie unterscheidet zwischen der Zahl, die im Bericht angekommen sein muss, und der Zahl, die Sie nominieren sollten – denn nicht jede nominierte Person antwortet.

Empfohlene Zahl der Feedbackgebenden je Gruppe (LEADBeyond-Praxisempfehlung; die Forschungswerte für statistische Reliabilität liegen höher).
GruppeUntergrenze (Anonymität)Ziel (abgeschlossen)Nominieren
Vorgesetzte2 – oder 1 mit ausdrücklicher Zustimmung1–2Alle, die die Führungskraft tatsächlich erleben – oft nur eine Person
Peers23–54–6, damit auch nach Absagen drei Rückmeldungen ankommen
Direkt zugeordnete Mitarbeitende23–6Bis sechs alle; darüber eine Auswahl, die das Team abbildet
GesamtSelbsteinschätzung plus mindestens zwei Gruppen über der Schwelle8–1210–14

Wie Sie diese Plätze mit den richtigen Personen besetzen – nicht nur mit den wohlgesonnenen –, beschreibt Wie Sie Feedbackgebende für ein 360° auswählen. Die Selbsteinschätzung zählt dabei nicht als Gruppe: Der Selbst-Fremd-Abgleich, dessen vermuteten Zusammenhang mit Selbstwahrnehmung und Führungswirksamkeit die Forschung seit Jahren untersucht (Fleenor et al. 2010), ist nur so belastbar wie die Fremdratings dahinter.

Warum Vorgesetzte ein Sonderfall sind

Die meisten Führungskräfte haben genau eine vorgesetzte Person. Eine Gruppe mit einer Antwort kann aber nicht anonym sein: Ihr Mittelwert ist die Antwort. Drei saubere Wege gibt es. Erstens: Die Werte fließen in „alle anderen“ ein und werden nicht getrennt gezeigt – der Standard, wenn nichts anderes vereinbart ist. Zweitens: Die vorgesetzte Person weiß vorab, dass ihre Antworten als eigene Spalte erkennbar sein werden, und stimmt ausdrücklich zu. In Entwicklungsprogrammen ist das oft gewünscht, weil das Gespräch zwischen Führungskraft und vorgesetzter Person dann auf denselben Zahlen aufsetzt. Drittens: Eine zweite Person mit echter Beobachtungsbasis – fachlich vorgesetzt, Partnerin im Projekt, Geschäftsführung – hebt die Gruppe über die Schwelle.

Was nicht funktioniert: eine zweite Person nur nominieren, damit die Zahl stimmt. Wer die Führungskraft nicht regelmäßig erlebt, verdünnt das Bild, statt es zu schärfen – und „kann ich nicht beurteilen“ wird zur häufigsten Antwort.

Kleine Teams: wenn die Zahl nicht reicht

Was passiert, wenn eine Führungskraft nur zwei direkt zugeordnete Mitarbeitende hat – oder eine davon absagt? Vier Optionen, in der Reihenfolge unserer Präferenz:

  1. Gruppe zusammenlegen statt weglassen. Die Antworten fließen in „alle anderen“ ein; die Führungskraft verliert den getrennten Blick auf die Gruppe, nicht das Feedback.
  2. Nachnominieren, solange die Befragung offen ist. Ehemalige Mitarbeitende, Projektmitarbeitende mit fachlicher Führung, das erweiterte Team – sofern sie die Führungskraft wirklich erlebt haben.
  3. Freiwilliges Feedback zulassen. Manche Programme erlauben Feedback aus demselben Zyklus auch ohne Nominierung. Das erhöht die Zahl, braucht aber klare Regeln, wer infrage kommt.
  4. Die Gruppe bewusst weglassen und das im Gespräch benennen. Bei einer einzigen Mitarbeiterin ist ein 360° eher ein 270°. Kein Grund, es nicht zu machen – aber ein Grund, es so zu nennen.

In Beratungen und Professional-Services-Firmen ist das Problem eher umgekehrt: Wer Projektteams führt, hat viele Mitarbeitende auf Zeit und selten eine feste Linie. Dort zählt die Beobachtungsbasis der letzten Monate mehr als das Organigramm – siehe 360°-Feedback in Beratungen und Professional Services.

Die andere Seite der Rechnung: die Belastung der Feedbackgebenden

Jede Nominierung ist ein Zeitversprechen, das eine andere Person einlöst. Eine Fremdeinschätzung dauert in LEADBeyond 360° 10 bis 15 Minuten – für eine einzelne Anfrage unproblematisch. Das Problem ist die Häufung: In einer Kohorte werden dieselben Personen mehrfach gefragt – die Partnerin, die fünf Manager führt, der Senior Consultant, der mit allen gearbeitet hat, die Assistenz, die jede Führungskraft nominiert.

Drei Gegenmaßnahmen: die Gesamtverteilung vor dem Versand prüfen (wer wird wie oft nominiert?); eine Obergrenze je Führungskraft, die zur Größe der Organisation passt – zwölf ist bei 30 Führungskräften in einer Firma mit 150 Personen zu viel, bei fünf Führungskräften in einem Konzernbereich unproblematisch; und ein Prozess, der Feedbackgebenden die Arbeit erleichtert: eine Einladung für alle Anfragen statt fünf E-Mails, automatisches Speichern jeder Antwort, ein Überblick über offene Anfragen und die Möglichkeit abzulehnen, wenn die Beobachtungsbasis fehlt.

So ist LEADBeyond 360° voreingestellt

Als konkretes Beispiel: LEADBeyond 360° empfiehlt bei der Nominierung standardmäßig mindestens zwei Vorgesetzte, zwei Peers und zwei direkt zugeordnete Mitarbeitende. Die Empfehlung ist je Zyklus konfigurierbar und eine weiche Vorgabe, keine Sperre – eine Führungskraft mit einer einzigen vorgesetzten Person wird nicht blockiert. Die Anonymitätsschwelle liegt standardmäßig ebenfalls bei zwei abgeschlossenen Rückmeldungen je Gruppe; sie wird vom Beraterteam festgelegt, nicht von HR. Ein Bericht entsteht erst, wenn die Selbsteinschätzung abgeschlossen ist und mindestens zwei Gruppen die Schwelle erreichen; eine Beraterin oder ein Berater kann das im Einzelfall bewusst übersteuern, was protokolliert wird.

Häufige Fragen

Wie viele Feedbackgebende sollte eine Führungskraft insgesamt benennen?

Als Faustregel zehn bis vierzehn Nominierungen, damit acht bis zwölf abgeschlossene Rückmeldungen ankommen – verteilt auf Vorgesetzte, Peers und direkt zugeordnete Mitarbeitende. Entscheidend ist weniger die Summe als die Verteilung: Jede Gruppe, die getrennt gezeigt werden soll, braucht mindestens zwei, besser drei Rückmeldungen.

Was passiert, wenn eine Führungskraft nur zwei direkt zugeordnete Mitarbeitende hat?

Nominieren Sie beide. Antworten beide, wird die Gruppe getrennt gezeigt; antwortet nur eine Person, fließt ihre Antwort in „alle anderen“ ein. Alternativ lassen sich ehemalige Mitarbeitende oder Projektmitarbeitende mit fachlicher Führung ergänzen – sofern sie die Führungskraft wirklich erlebt haben.

Sollte die Führungskraft ihre Feedbackgebenden selbst auswählen oder HR?

Am besten beides: Die Führungskraft schlägt vor, HR oder das Beraterteam prüft auf Ausgewogenheit. Reine Selbstauswahl neigt zu wohlgesonnenen Peers, reine Fremdauswahl untergräbt die Akzeptanz. Details in Wie Sie Feedbackgebende auswählen.

Wie viele Feedbackgebende sind zu viele?

Wenn dieselben Personen in einer Kohorte fünf- bis achtmal gefragt werden, sinken Rücklauf und Sorgfalt. Prüfen Sie vor dem Versand die Verteilung über alle Führungskräfte und setzen Sie eine Obergrenze je Führungskraft, die zur Größe der Organisation passt.

Kann die Führungskraft erkennen, wer was geantwortet hat?

Nicht aus dem Bericht: Gezeigt werden nur Gruppenmittelwerte ab der Schwelle und Freitext ohne Zuordnung. Wer nominiert wurde und wer abgeschlossen hat, sieht die Führungskraft dagegen in der Regel – Anonymität schützt Antworten, nicht die Tatsache der Teilnahme. Mehr unter Ist 360°-Feedback anonym?

Gehört die Mindestzahl in die Betriebsvereinbarung?

In Programmen mit Betriebsrat ist die Mindestgruppengröße erfahrungsgemäß einer der Punkte, die verhandelt werden, weil sie den Schutz der Feedbackgebenden konkret macht. Was sonst in eine Betriebsvereinbarung gehört, skizziert 360°-Feedback und Betriebsrat – als Orientierung, nicht als Rechtsberatung.

Warum empfiehlt LEADBeyond zwei Vorgesetzte, wenn es meist nur eine Person gibt?

Die Voreinstellung 2/2/2 ist eine weiche Empfehlung, die dieselbe Untergrenze für alle Gruppen setzt. Wo es nur eine vorgesetzte Person gibt, wird niemand blockiert: Ihre Antworten fließen in „alle anderen“ ein, oder die Spalte wird nach ausdrücklicher Abstimmung gezeigt.

Quellen

  1. Greguras, G. J., & Robie, C. (1998). A new look at within-source interrater reliability of 360-degree feedback ratings. Journal of Applied Psychology, 83(6), 960–968., American Psychological Association (1998)Peer-reviewed Generalisierbarkeitsstudie (153 Manager). Die häufig zitierten Zahlen „4 Vorgesetzte / 8 Peers / 9 Mitarbeitende“ werden hier so wiedergegeben, wie Nowack & Mashihi (2012) sie zusammenfassen.
  2. Nowack, K. M., & Mashihi, S. (2012). Evidence-based answers to 15 questions about leveraging 360-degree feedback. Consulting Psychology Journal: Practice and Research, 64(3), 157–182., American Psychological Association (2012)Peer-reviewed Evidenzüberblick; frei zugängliches PDF bei apa.org. Die Autoren datieren Greguras & Robie in ihrem Text auf 1995, ihr Literaturverzeichnis verweist auf den JAP-Artikel von 1998.
  3. Hensel, R., Meijers, F., van der Leeden, R., & Kessels, J. (2010). 360 degree feedback: how many raters are needed for reliable ratings on the capacity to develop competences, with personal qualities as developmental goals? The International Journal of Human Resource Management, 21(15), 2813–2830., Taylor & Francis (2010)Peer-reviewed; die Reliabilitätswerte beziehen sich auf die Einschätzung von Entwicklungsfähigkeit und -motivation, nicht auf Führungsverhalten im engeren Sinn.
  4. Fleenor, J. W., Smither, J. W., Atwater, L. E., Braddy, P. W., & Sturm, R. E. (2010). Self–other rating agreement in leadership: A review. The Leadership Quarterly, 21(6), 1005–1034., Elsevier (2010)Peer-reviewed Literaturüberblick zur Selbst-Fremd-Übereinstimmung; stützt keine einzelne Kennzahl.

Autor

LEADBeyond

Beraterteam, LEADBeyond GmbH

Das LEADBeyond-Beraterteam entwickelt und begleitet LEADBeyond 360° und prüft jeden Bericht vor der Freigabe.

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